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Ostergruß von Stadtarchiv und Städtischem Museum Bruchsal

Zum 150. Geburtstag von Fritz Hirsch (1871-1938)

Fritz Hirsch, Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Ein wenig erinnert er an Clark Gable, doch der Mann, der hier im sommerlichen Leinenanzug und Pfeife im Garten posiert, ist kein Schauspieler, sondern der Architekt und Bruchsaler Ehrenbürger Fritz Hirsch. Mit einer digitalen Ausstellung wollen Stadtarchiv und Städtisches Museum zum 150. Geburtstag an ihn erinnern und verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit beleuchten.

Sohn, Ehemann, Vater

Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Friedrich (Fritz) Hirsch wurde am 21.4.1871 in Konstanz geboren. Seine Eltern mosaischer Abstammung, hatten sich vom jüdischen Glauben getrennt, der Sohn wird im Geburtsregister als evangelisch geführt. Fritz Vater war Kaufmann, seit 1875 Stadtverordneter und von 1876-1882 Präsident der Handelskammer. Nach dem Abitur 1889 studierte Fritz das Baufach in Karlsruhe, München und Heidelberg.
1905 wurde Hirsch zum Bezirksbauinspektor in Bruchsal berufen. Mit Ehefrau und Stieftochter zog er in das Kavaliersgebäude des dortigen Schlosses. In ihren Memoiren beschreibt die spätere Schauspielerin Anneliese Born ihre Kindheit im Schlosspark und der Bruchsaler Schule. Ob sie auch das Mädchen ist, das hier auf der Sphinx des Bildhauers Heinrich Ehehalt sitzt, die Fritz Hirsch vor seinem Haus aufstellen ließ und die die Büste seiner Ehefrau trägt, ist nicht bekannt; ihren Memoiren nach, in denen sie vom pietätlosen Herumturnen auf den barocken Statuen des Bruchsaler Schlossparks schreibt, jedoch nicht abwegig. Die Statue stand später bis zur Zerstörung im März 1945 im Schlossmuseum. Fritz und Annas Sohn Peter, 1939 in die USA emigriert, besuchte Jahre später anlässlich des 100. Jubiläums des von seinem Vater entworfenen Fürst-Stirum-Krankenhauses seine Geburtsstadt. Bereits in den 1950er Jahren hatte er der Stadt Fotografien zukommen lassen, um im Krieg zerstörte Objekte zu ersetzen.

Architekt

Altes Schulhaus Obergrombach, Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Fritz Hirschs Architektenkarriere verlief alles andere als geradlinig. Nach der Ausbildung in Süddeutschland ging er für einige Jahre als Lehrer für Baugewerke in den Norden, bevor er als Baupraktikant zurückkehrte. 1905 wurde er Bauinspektor in Bruchsal. Neben seiner Hauptaufgabe, der Schlossrenovierung, war er für viele weitere Renovierungs- und Bauprojekte verantwortlich wie beispielsweise für das alte Schulhaus in Obergrombach. Schon früh betätigte sich Fritz Hirsch auch publizistisch. Neben kunstgeschichtlichen und architekturwissenschaftlichen Texten und Bildbänden engagierte er sich auch im Bereich Heimatgeschichte. Während seiner Zeit in Bruchsal veröffentlichte er immer wieder Beiträge in den Beilagen der Bruchsaler Zeitung; so 1912 den Aufsatz „Was die Turmspitze der Bruchsaler Stadtkirche zu erzählen weiß“, nachdem bei dortigen Umbauarbeiten alte Urkunden in einer Blitzableiterkugel entdeckt wurden. Doch nicht alle Projekte stießen in der Fachgemeinschaft auf Gegenliebe. Der Landesverband Baden des Bundes Deutscher Architekten kritisierte offen seine Ausrichtung der Denkmalpflege, insbesondere die offensive Farbwahl für renovierte Gebäude. Nicht auszuschließen, das hier bereits antisemitische Motive eine Rolle spielten, die 1933 zuerst zur Entziehung seines Lehrauftrages an der Technischen Hochschule in Karlsruhe führten und dann, im Zuge des irreführend betitelten „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, mit dem jüdischen und politisch missliebigen Beamte die Existenzgrundlage entzogen wurde, zur Entlassung aus allen Ämtern.

Schlosserneuerer

Front der 52x43cm großen Publikation von Fritz Hirsch über das Bruchsaler Schloss. Foto: Städtisches Museum Bruchsal

Die Renovation des Bruchsaler Barockschlosses stellte Hirsch - wie auch bei der Sanierung anderer Bauten - auf das Fundament eines sorgfältigen und bauhistorisch grundierten Quellenstudiums, wodurch er Aufbau und Wesen eines Bauwerks zu erfassen suchte. Zwischen den Jahren 1900 bis 1909 wurde Schloss Bruchsal zunächst unter Emil Lang und ab 1905 durch Fritz Hirsch für insgesamt 1 Million Mark wieder in Stand gesetzt. In diesem Rahmen erschien 1910 im Verlag der Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung in Heidelberg eine großformatige Publikation über das Bruchsaler Barockschloss und seine Renovierung. Im Vorwort bezeichnet das Grossherzogliche Ministerium der Finanzen - Herausgeber des Werks - seinen Autor Hirsch als den "wohl besten Kenner des Bruchsaler Schlosses". Der Foliant im Jugendstil wird auch als „Hirsch-Mappe“ bezeichnet und beinhaltet circa 80 großformatige, teils farbige Abbildungen sowie eine Abhandlung über die Baugeschichte und Architektur des Gebäudes. Vor allem durch diese Bebilderung des Zustandes von Schloss Bruchsal vor den beiden Weltkriegen und der damit verbundenen Zerstörung stellt das Werk bis heute eine reiche Quelle an Eindrücken dessen dar, wie die Anlage samt Innenräumen ausgesehen hat. Im begleitenden Text thematisiert Hirsch die Geschichte der Bruchsaler Residenz und führt chronologisch und durch ausgiebige Literaturrecherche bestens belegt durch die einzelnen Bauperioden des Schlosses unter Fürstbischof Schönborn und seinen Nachfolgern. Sein technisches Verständnis sowie sein umfassender Blick auf diese Thematik ergeben eine detaillierte Einsicht in die Baugeschichte dieses Bruchsaler Barockgebäudes. So erfährt man beispielsweise, dass für den Rohbau zunächst kaum Baumaterial aus anderen Regionen nötig war, da der verwendete Kalkbruchstein direkt vom Steinsberg hinter dem Schlossgebiet abgebaut werden konnte. Weiterhin thematisiert Hirsch die Arbeit verschiedener Baumeister, darunter Balthasar Neumann, sowie die Entwicklung der Gestaltung der Innenräume und deren Ausbau unter Fürstbischof Hutten. Aber auch die Kosten für den Schlossbau sowie eine kunstgeschichtliche Einordnung des Schlosses in die Epochen des Barock und Rokoko finden Eingang in Hirschs Dokumentation. Letztlich thematisiert er den Schlossgarten und Schönborns Bemühung um denselben. So bestellt dieser im Februar 1724 "allerhandt bluhmensahmen, zwieffeln u. pflanzen", außerdem "500 bommeranzen und Citornen" für die Anlage.
Entstanden ist eine detaillierte und kompetente Beschreibung des Bruchsaler Barockschlosses, die das Bauwerk aus vielfältigen Perspektiven erforscht und dokumentiert. Beinahe minutiös wird so die Entwicklung des Baus nachvollziehbar, weshalb Hirschs Werk bis heute eine wichtige Quelle hinsichtlich Architektur und Innengestaltung von Schloss Bruchsal darstellt.

Durch Klick auf die Bilder in der Galerie werden Ihnen diese vergrößert angezeigt (Abbildungen: Städtisches Museum).

Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Das Bild von der Schlusssteinversetzung der Schlossrenovation von 1912 ist ein einmaliges Zeitdokument, das Handwerker, Baukunst und Architekten vereinigt. Oder doch ein zweimaliges? Der ursprüngliche Besitzer der Fotografie scheint es dem passionierten Fotografen und Sammler historischer Stadtansichten, Ernst Habermann nicht überlassen haben zu wollen. Deshalb hat dieser es kurzerhand abfotografiert. Die Lichtverhältnisse standen jedoch so, dass sich die Kameralinse nun am unteren Bildrand abzeichnet – eine künstlerisch anmutende Neuinterpretation des Werkes wurde erschaffen.

Ehrenbürger

Ehrenbürgerurkunde von Fritz Hirsch, Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Verschlungene Wege führten die Ehrenbürgerurkunde, die die Stadt im Juni 1922 an Fritz Hirsch verliehen hatte Ende der 1990er zurück nach Bruchsal. Ein Austauschstudent aus Karlsruhe bekam sie von seiner Gastfamilie in Michigan geschenkt und überließ sie nach seiner Rückkehr ohne Vergütung dem Stadtarchiv Bruchsal. Das Triptychon des Künstlers Ludwig Barth zeigt neben dem gesamten Schlossareal auch Szenen aus dem ursprünglichen Schlossbau unter den Bischöfen von Speyer. Neben Bruchsal verlieh auch die Stadt Schwetzingen Fritz Hirsch die Ehrenbürgerwürde, die Universität Freiburg ernannte ihn zum Ehrensenator.