Herbstgruß des Deutschen Musikautomaten-Museums

Androiden verzaubern

Über der Uhr im Rathausgiebel von 1581 in Marburg (Hessen) befindet sich ein Hahn aus Kupfer, der stündlich seine Flügel nach der Zahl der Stunden auf und ab bewegt. Der Trompeter links von der Uhr bläst ebenfalls zur Stunde. Somit scheint der Hahn zu krähen. Auch die Waage der Justitia unterhalb und das Stundenglas des Todes rechts der Uhr wird über einen mit dem Uhrwerk verbundenen Zug entsprechend bewegt. Die sich unter dem Hahn drehende Kugel weist auf die Tages- und Nachtgleiche hin. Fotopostkarte, Verlag N. G. Elwert Marburg, um 1960

„Android“ (gr. menschenförmig) steht für einen Automaten, der menschliches Handeln imitiert. Davon gibt es eine ganze Reihe im Deutschen Musikautomaten-Museum Bruchsal. Sie sollen diesmal die herbstlichen Grüße des DMM übermitteln.
Schon in der Antike ersannen Gelehrte Objekte, die das Agieren von Lebewesen vorgaben. Dabei nutzten sie physikalische Gesetze: z. B. der Hydromechanik und Pneumatik, indem u. a. die beim Füllen eines Gefäßes mit Wasser verdrängte Luft durch eine Flöte glitt. Damit verwandt sind durchaus jene Figuren, die ab dem 14. Jh. in Kunstuhren eingebaut wurden: z. B. bei der astronomischen Uhr im Straßburger Münster. Jede Viertelstunde wird von einem Engel angeläutet, zur vollen Stunde dreht ein Engel daneben ein Stundenglas um. Dazu dreht sich ein Rad mit den Wochentagen und den zugeordneten Planeten.

In verkleinerter Form führte dies zum profanen „Automatenbau“ 1550-1650 durch Augsburger Uhrmacher, die Prachtgehäuse, Zeitmessung und bewegte Figuren mit mechanisch erzeugter Musik kombinierten.

Musikautomat, (sign.) Veit Langenbucher (1587-1631), Augsburg um 1620. Betrieb: Federwerk, bestiftete Holzwalze mit zwei Melodien, mechanische Abtastung über 16 Claves, „Spinett“ und „Orgel“ mit je 16 Saiten und Pfeifen, Aufsatz mit einem Figurenkreisel, der bei Spielbetrieb die Figuren „tanzen“ lässt. Inv. Nr. 87/94

Gerade in Epochen mit Hang zu Naturwissenschaft und Technik, wie etwa mit der Zeit der Aufklärung und später mit der beginnenden Industrialisierung, erfuhren menschen- oder tierähnliche Automaten Aufmerksamkeit. Die „Ente“ von Jacques de Vaucansons (1709-1772), einem Günstling des französischen Königs Ludwig XV., konnte 1738 flattern, schnattern und Wasser trinken. Aufgepickte Körner „verdaute“ sie in einer chemischen Reaktion und schied sie in getreuer Konsistenz aus. Sein Traum von einem mechanischen Menschen blieb unerfüllt. Frankenstein lässt da schon bereits etwas grüßen.
Berühmt wurde auch sein Flötenspieler von 1737. Aber folgend auch die Zimbalspielerin der Werkstatt von David Roentgen und Peter Kintzing aus Neuwied für die französische Königin Marie-Antoinette. Die vergleichbaren drei Androiden des versierten schweizerischen Uhrmachers Pierre Jaquet-Droz (1721-1780) und seines Sohnes Henri-Louis Jaquet-Droz (1752-1791), die ab 1774 einem breiten Publikum präsentiert wurden, konnten schreiben, zeichnen und Klavier spielen. Sie sind heute noch im „Musée d'Art et d'Histoire“ im schweizerischen Neuchâtel zu sehen.

Bekannt wurde auch der „Schachtürke“ des österreichischen Erfinders und Staatsbeamten Wolfgang von Kempelen (1734-1804) von 1770. In diesem „Automat“ bediente jedoch ein in dem Unterbau verborgener Mensch mittels Mechanik die Schachzüge einer orientalisch gekleideten Puppe. Dies Objekt erregte europaweit mit seiner Zurschaustellung Aufsehen. Erst Jahre später wurde das Geheimnis seiner „Mechanik“ bekannt. Doch dies sollte wenig an der weiteren Faszination für den „Schachtürken“ bzw. der Idee von menschlichen Automaten ändern. Darstellung des „Schachtürken“ von Joseph Friedrich von Racknitz aus dem Jahr 1789.
Der Schweizer Jean Henri Nicolas Maillardet (1745-1830) übernahm 1783 die Londoner Werkstatt von Jaquet-Droz, des bekanntesten Automatenbauers des späten 18. Jhs. Sein Androide, der gleichzeitig Schreiben und Skizzen anfertigen konnte, war mit anderen von 1807 bis 1837 bei Ausstellungen in England und anderen europäischen Ländern (z. B. St. Petersburg) vertreten. 1826 war die Präsentation in der Londoner „Gothic Hall“ zu Gast. Französisch-schweizerische Androiden in Kombination mit Musikwerken wurden so begehrte Artikel, deren Vertrieb u. a. über Kataloge erfolgte.]

Waren Androiden zunächst Einzelstücke, entwickelten sich nach 1800 Möglichkeiten der Serienproduktion. Ab 1850 beförderten dies Weltausstellungen sowie der den Handel begünstigenden Eisenbahnbau. Auf der Basis von „knowhow“ in Uhrmacherei und Kunstgewerbe entstanden in Paris und der französischen Schweiz komplexe Werkstätten, bei der andere Gewerke wie z. B. Puppenmacher Zulieferer wurden. So entstanden z. B. „tableaux animés“, verglaste Objektrahmen oder Glasstürze mit beweglichen Szenerien - oft mit einer Uhr verbunden. Obwohl im Handel als Spielzeug geführt, waren dies Objekte großbürgerlicher Salons, deren Blüte mit dem Ersten Weltkrieg endete. Androiden wechselten dann aber vermehrt in den öffentlichen Raum über - als Reklamefiguren.
Bekannt wurde etwa der 1813 in Paris geborene Uhrmacher Antoine Michel Marie Vichy, der um 1850 begann, Laufwerke für mechanisches Spielzeug herzustellen. Mit seiner Gattin gründete er 1862 „Vichy & Cie“. Nach seinem Tod übernahm 1866 sein Sohn Gustave den Betrieb. 1878 präsentierte man Androiden erstmals auf der Pariser Weltausstellung, die sich zu der Musik von kleinen Spielwerken mit Federwerk in ihrem Sockel bewegten. In den 1890er Jahren ging der Export in viele europäische Länder, den Orient und nach Amerika. Um 1900 wurden Phonographen mit den Androiden synchronisiert. Als Reklamefiguren „sprachen“ oder „sangen“ sie. Nach dem Tod von Gustave Vichy 1904 wurde der Betrieb an den Werksmeister Auguste Triboulet verkauft, der Figurenautomaten weiter unter seinem Namen vertrieb. Dieser starb 1925 und „Jouets et Automates Francais“ (J.A.F.) übernahm die Firma, die noch bis 1976 existierte.

Katalogausschnitt „Vichy & Cie“, um 1900. Von Vichy wurden auch Automaten angeboten, die aufeinander Bezug nahmen: „Jean qui pleure“ versteht seine Schullektion nicht und muss eine Eselmütze tragen. Er hebt den Arm, senkt den Kopf hinein und weint, bewegt Lippen und Augen, tritt mit dem Fuß gegen die Bank. Sein Pendant war die „Lachende Jeanne“. Sie konnte den Kopf hin und her wiegen, strampelte mit den Beinen und spielte mit Hampelmann und Puppe in ihren Händen.]
[„Mechanical Pieces“. Katalogseite aus den 1880er Jahren des Katalogs „The Silber & Fleming glass & china book", Hertfordshire/England, 1990 (Reprint). Silber & Fleming in der Wood Street in London war ein Versandhandel für gehobene Gesellschaftsschichten. Hier im Angebot auch Automaten der Pariser Firmen Bontems und Phalibois.
Singvogelkäfig. Werkstatt Bontems, Paris, um 1910. Betrieb: Federwerk mit Münzeinwurf, 1 Lotusflöte, Kurvenscheiben, Inv. Nr. 88/103. Blaise Bontems (1814 -1893) begründete mit Sohn Charles Jules und Enkel Lucien eine Dynastie von Automatenbauern, die für den „echten“ Gesang ihrer Vogelautomaten stand. Die Mechanik des vergoldeten Vogelkäfigs mit drei echten Vogelbälgen, die abwechselnd und zusammen „singen“ und dabei Kopf, Schnabel und Flügel bewegen, befindet sich in der Bodenplatte. Durch Einwurf einer Münze werden das Federwerk und die Kurvenscheiben ausgelöst, die die Pfeifen für den „Gesang“ und die Bewegung der Vögel steuern.
Automaten-Eingericht, „Der Affe als Zauberer“, Werkstatt Phalibois, Paris um 1890. Betrieb: Federaufzug, bestiftete Metallwalze mit zwei Melodien, Stahlkamm, Inv. Nr. 2002/1344

Der 1835 geborene Jean Marie Phalibois wurde in den 1860er Jahren in Paris zunächst als „cartonnier“ tätig, stellte Artikel aus Papiermaché her. Bald rüstete er Karaffen, Zigarrenständer, Tintenfässer etc. mit kleinen Musikwerken aus. Auf der Pariser Weltausstellung 1878 präsentierte er in der „Spielzeug-Abteilung“ animierte figürliche Szenen mit Musikwerken. Solche Artikel wurden bis um 1900 Hauptzweig der Produktion. Die fragilen Gebilde wurden durch einen Glassturz geschützt, Musikwerk und Mechanik im hölzernen Sockel untergebracht. Um 1900 verlegte sich die Fertigung auf „figurines animées“ für Reklamezwecke. Nachdem der Firmengründer bereits 1893 das Geschäft seinem Sohn übergeben hatte, veräußerte dieser 1925 das Unternehmen an den Konkurrenten „Roullet & Decamps“, der 1865 gegründet, bis 1995 existierte.

[„Animaux Sauter“ (Springtier), Werkstatt Roullet & Decamps, Paris, um 1910, Inv. Nr. 2009/533-27. Die Firma war für ihre mechanischen Lauf- und Bewegungspuppen bekannt. 1867-1910 erhielten sie viele Auszeichnungen auf nationalen wie internationalen Gewerbeschauen. Dieses Schweinchen, das laufen kann, gehört zu den „Animaux Sauters“, animierten Figuren ohne musikalische Funktion. Bei ihnen trat mehr das Spielzeug in den Vordergrund.]
Androide „Zauberer“, Werkstatt Reuge, St. Croix, Schweiz, 1980er Jahre, Betrieb: Federwerk, bestiftete Metallwalze mit zwei Melodien, Stahlkamm, Inv. Nr. 2002/1339, Aufnahme und Schnitt: Klaus Biber

Das 1865 vom Uhrmacher Charles Reuge gegründete Unternehmen im Zentrum des Baus von „Musik-Dosen“ in St. Croix in der französischen Schweiz konnte alle Krisen, die diesem Gewerbe begegneten, überstehen. Dank den in Europa stationierten US-amerikanischen Soldaten erlebten deren Spieldosen nach 1945 sogar nochmals als Souvenirartikel einen Aufschwung. Reuge baute gerade im Hochpreissegment mechanische Singvögel, Figurenautomaten und Musikuhren als eine Monopolstellung aus, dem auch dieser Automat entstammt. Er ist von vergleichbaren Objekten aus der Zeit um 1900 inspiriert, was der Nostalgie-Welle der 1970/80er Jahre geschuldet sein mag. Bis 1988 blieb das Unternehmen in Familienbesitz und wurde dann in eine Aktiengesellschaft mit rund 60 Mitarbeitern umgewandelt. Das „Hütchen-Spiel“ dieses Androiden funktioniert, indem Segmente des schachbrettartigen Tisches mechanisch umgedreht werden können.]
Die Sujets der Androiden sind Spiegel des späten 19. Jhs. Neben Typen wie Kind, Musiker, Artist, Tänzerin oder Berufsgruppen wie Koch, Kindermädchen etc. fanden gemäß dem Faible für alles Exotische auch Darstellungen von Orientalen, Asiaten, Farbigen und europäischen „Volkstypen“ Anklang. Auffällig im Bereich der Tierdarstellungen ist der Affe. Schon im 18. Jh. war die „Affenkapelle“ ein Motiv im Porzellanbereich. Jedoch hatte das Genre „der Affe als Mensch“ nun aktuelle Bezüge. So lösten die Werke Charles Darwins (1809-1882) heftige Reaktionen aus. 1871, im Buch „Die Abstammung des Menschen“, legte Darwin die Verwandtschaft des Menschen mit den Affen dar. Seine Theorien berührten neben Theologie und Philosophie ebenso die Bildende Kunst.
Der Höhepunkt der Androiden wurde mit dem Ersten Weltkrieg und den folgenden wirtschaftlichen Krisen überschritten. Gleichwohl eher dem „Kunstgewerbe“ zuzuordnen, darf ihre technikgeschichtliche Bedeutung nicht unterschätzt werden. Denn wie die Uhrmacher beschäftigten sich Androidenbauer mit der gleichmäßigen Bewegung – was später als „Automatisierung“ in der industriellen Produktion Eingang fand.
Die enge Verwandtschaft der Androiden zu „Robotern“ – welche Maschinen definieren, die durch ein bestimmtes Programm festgelegte Aufgaben ausführen – scheint nahe. Der Begriff wurde durch die Science-Fiction Literatur wie die von dem Tschechen Karel Capek (1890-1938) geprägt, der 1921 in „R.U.R“ künstlich gezüchtete „Arbeiter“ beschrieb. Jedoch sind die Grenzen zur Verwendung der Begriffe „Androide“, „Automat“, „Roboter“ durchaus fließend und temporär wie lokal variabel. Unbestritten ist jedoch der „Uncanny Valley (unheimliches Tal) Effekt“, der seit den 1970er Jahren die Akzeptanz von „künstlichem Leben“ bemisst. Auch die in der virtuellen Welt geborenen „Avatare“ (was im Sanskrit das Herabsteigen der Götter bedeutet) müssen sich als menschliche Stellvertreter, dieser Beurteilung stellen. Sie besagt, dass der Betrachter einen humanoiden Roboter oder eine virtuelle Figur mit menschlichen Eigenschaften nur so lange akzeptiert, bis er nicht ins Letzte vorgibt „Mensch“ zu sein. Dies mag auch erklären, warum die Androiden so erfolgreich waren: Denn ihre Gesichtszüge sind puppenhaft und verstärken mit dem „Kindchen-Effekt“ – und die auf die menschliche Psyche wirksame Musik – den Erfolg auf den Betrachter. In dieser Hinsicht wird die Faszination für Androiden – wie den Nachbau historischer Modelle – weiter bestehen bleiben. Auch im DMM.
Andreas Seim
 
 
Aufnahmen: Thomas Goldschmidt, Klaus Biber, Sonja Ramm
Archivalien: Archiv DMM

Barockschloss Bruchsal
Schlossraum 4
76646 Bruchsal

Eintrittspreise:
Erwachsene 8 Euro
Ermäßigt (Schüler/-innen, Studierende, Schwerbehinderte) 4 Euro
Familienkarte 20 Euro
Gruppenpreis (ab 20 Personen) 7,20 Euro p. P.
(inkl. Eintritt ins Barockschloss und ins Deutsche Musikautomaten-Museum)

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr,
montags nur an Feiertagen,
24./25./31. Dezember geschlossen,
1. Januar ab 13 Uhr geöffnet.

Während des Aufenthalts im Schloss gelten die bekannten Hygiene- und Kontaktvorschriften.

Plakat mit Erdmännchen